Mehrsprachigkeit bei Kindern gehört in Dresden längst zum Alltag – in Kitas in Striesen, Bühlau oder Tolkewitz wachsen viele Kinder mit zwei oder drei Sprachen auf. Und fast alle Eltern, die deshalb zu uns kommen, stellen dieselbe Frage: „Überfordern wir unser Kind damit?”
Die ehrliche Antwort lautet: nein. Kinder sind darauf ausgelegt, mehr als eine Sprache zu erwerben. Weltweit wächst rund die Hälfte aller Kinder mehrsprachig auf – das ist der Normalfall, nicht die Ausnahme. Eine Sprachentwicklungsstörung entsteht nicht dadurch, dass ein Kind zwei Sprachen hört.
Trotzdem ist Verunsicherung verständlich. Denn mehrsprachige Kinder gehen andere Wege als einsprachige, und diese Wege sehen manchmal aus wie Rückstand, obwohl sie keiner sind. Umgekehrt gibt es echte Auffälligkeiten, die im Trubel der zwei Sprachen leicht übersehen werden. In diesem Beitrag ordnen wir beides ein.
Mehrsprachigkeit bei Kindern ist keine Ursache für Sprachstörungen
Der hartnäckigste Mythos lautet: Zweisprachigkeit verzögere das Sprechen. Die Forschungslage widerspricht dem deutlich. Mehrsprachige Kinder erreichen die großen Meilensteine – erste Wörter um den ersten Geburtstag, Zweiwortsätze um 24 Monate – im gleichen Zeitfenster wie einsprachige. Gezählt werden dabei allerdings die Wörter aus allen Sprachen zusammen, nicht nur die deutschen.
Wichtig ist auch: Eine Sprachentwicklungsstörung betrifft immer alle Sprachen eines Kindes. Wenn ein Kind in der Familiensprache flüssig erzählt und nur im Deutschen stockt, liegt keine Störung vor, sondern schlicht weniger Kontakt zum Deutschen. Ausführliche, gut verständliche Grundlagen zur kindlichen Sprachentwicklung stellt das Portal kindergesundheit-info.de der BZgA bereit.
Wie die typische Entwicklung ohne Mehrsprachigkeit verläuft, haben wir in unserem Beitrag zur Sprachentwicklung bei Kindern zusammengefasst.
Zwei typische Wege, wie Kinder mehrere Sprachen erwerben
Simultaner Erwerb heißt: Das Kind hört beide Sprachen von Geburt an, etwa weil Mutter und Vater unterschiedliche Muttersprachen sprechen. Beide Sprachen entwickeln sich parallel, oft mit unterschiedlichem Tempo je nach Kontaktmenge.
Sukzessiver Erwerb heißt: Zu Hause wird eine Sprache gesprochen, Deutsch kommt mit dem Kita-Eintritt dazu. Das ist der häufigere Fall. Kinder brauchen dann realistisch zwei bis fünf Jahre, bis das Deutsche auf Alltagsniveau trägt – Bildungssprache dauert noch länger. Ein Kind, das mit drei Jahren in die Kita kommt und mit vier noch nicht komplex erzählt, ist nicht auffällig, sondern mitten im Prozess.
Was im Alltag völlig normal ist
Drei Phänomene beunruhigen Eltern besonders – und sind unbedenklich:
- Sprachmischung (Code-Switching): „Ich will das bread.” Das ist kein Durcheinander, sondern eine Kompetenz. Kinder mischen gezielt, wenn ihnen in einer Sprache ein Wort fehlt, und wechseln bei einsprachigen Gesprächspartnern zuverlässig zurück.
- Die stille Phase: Manche Kinder schweigen nach dem Kita-Start Wochen bis wenige Monate lang in der neuen Sprache, während sie zuhören und sortieren. Danach setzt das Sprechen oft schwungvoll ein.
- Unterschiedlich starke Sprachen: Eine Sprache ist fast immer dominant. Das verschiebt sich im Lauf der Schuljahre – meist zugunsten des Deutschen.
Sie sind unsicher, ob alles im Rahmen liegt?
Statt monatelang zu beobachten und zu grübeln: Ein einziger Diagnostiktermin schafft Klarheit – in beide Richtungen.
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Wann Mehrsprachigkeit bei Kindern logopädisch abgeklärt werden sollte
Auffällig wird es, wenn Schwierigkeiten in allen Sprachen des Kindes auftreten. Bitte lassen Sie abklären, wenn:
- Ihr Kind mit 24 Monaten insgesamt (alle Sprachen zusammen) weniger als 50 Wörter aktiv nutzt und keine Wörter kombiniert
- es auch in der Familiensprache kaum Sätze bildet oder Sätze grammatisch stark abweichen
- es Aufforderungen in der Familiensprache nicht sicher versteht
- Laute durchgängig ersetzt oder ausgelassen werden – in beiden Sprachen
- die stille Phase deutlich länger als ein halbes Jahr andauert
- Ihr Kind das Sprechen vermeidet, sich zurückzieht oder frustriert reagiert
Verstehensprobleme fallen dabei oft am spätesten auf. Wie sich das zeigen kann, beschreiben wir bei der rezeptiven Sprachstörung. Eine allgemeine Orientierung, wann ein Termin sinnvoll ist, gibt unser Beitrag Wann zum Logopäden mit Kind.
So läuft die Diagnostik bei mehrsprachigen Kindern ab
Ein deutscher Standardtest allein greift zu kurz – er misst dann nur den Deutschkontakt. Deshalb erheben wir zuerst eine ausführliche Sprachbiografie: Welche Sprache wird von wem gesprochen, seit wann, wie viele Stunden am Tag, wie war der Verlauf in der Erstsprache?
Anschließend prüfen wir sprachübergreifende Fähigkeiten, die weniger vom Wortschatz abhängen – etwa das Nachsprechen von Kunstwörtern oder das Merken von Lautfolgen. Wo möglich beziehen wir Ihre Einschätzung zur Familiensprache systematisch ein; Sie sind die Expert:innen dafür. Fachliche Standards dazu formuliert der Deutsche Bundesverband für Logopädie (dbl), die zugrunde liegenden Leitlinien sind über die AWMF-Leitliniendatenbank einsehbar.
Ergibt sich kein Störungsbild, sagen wir das klar – und geben Ihnen konkrete Anregungen für zu Hause mit. Das ist ein gutes Ergebnis, kein vertaner Termin.
Was Sie zu Hause tun können
- Sprechen Sie die Sprache, in der Sie sich wohlfühlen. Emotional getragene, reiche Sprache ist wertvoller als fehlerhaftes Deutsch aus Pflichtgefühl.
- Menge schlägt Methode. Ob „ein Elternteil – eine Sprache” oder nach Situation getrennt: Entscheidend ist, wie viel echter Sprachkontakt entsteht.
- Vorlesen, singen, erzählen – in jeder Sprache. Bilderbücher lassen sich auch frei in der Familiensprache erzählen.
- Korrigieren Sie nicht, sondern spiegeln Sie. Kind: „Der Hund gelauft.” Sie: „Ja, der Hund ist gelaufen!”
- Deutsche Kontaktzeit ausbauen – Kita, Spielgruppe, Sportverein. Anregungen zur Sprachförderung im Vorschulalter finden Sie in unserem Beitrag zur Sprachförderung in der Vorschule.
Kostenübernahme
Wird eine Sprachentwicklungsstörung festgestellt, ist Logopädie eine Kassenleistung. Ihre Kinderärztin oder Ihr HNO-Arzt stellt eine Heilmittelverordnung aus; die gesetzliche Krankenkasse übernimmt die Kosten. Ein bestehender Migrationshintergrund oder Mehrsprachigkeit ändern daran nichts.
FAQ – Häufige Fragen zu Mehrsprachigkeit bei Kindern
Sollten wir zu Hause nur noch Deutsch sprechen, damit unser Kind schneller lernt? Nein. Der Wechsel zu einer Sprache, die Sie selbst nur eingeschränkt beherrschen, verringert die Sprachqualität und schwächt die emotionale Bindung – ohne dem Deutschen zu helfen. Eine starke Erstsprache ist die beste Basis für die Zweitsprache.
Mein Kind mischt ständig beide Sprachen. Ist das ein Warnsignal? Nein. Sprachmischung ist ein normales, regelgeleitetes Phänomen und tritt auch bei erwachsenen Mehrsprachigen auf.
Ab welchem Alter kann man eine Störung erkennen? Eine erste Einordnung ist ab etwa 24 Monaten möglich, sichere Aussagen gelingen meist ab drei Jahren. Warten Sie bei deutlichen Auffälligkeiten nicht bis zur Einschulung.
Kann Logopädie stattfinden, wenn die Therapeutin unsere Familiensprache nicht spricht? Ja. Die Therapie findet auf Deutsch statt, arbeitet aber an sprachübergreifenden Fähigkeiten. Ihre Beobachtungen zur Erstsprache beziehen wir eng ein.
Kann Mehrsprachigkeit Stottern auslösen? Nein. Unflüssigkeiten haben andere Ursachen – mehr dazu in unserem Beitrag zum Stottern bei Kindern.
Jetzt Termin vereinbaren – Klarheit statt Unsicherheit
Mehrsprachigkeit ist ein Gewinn: kognitiv, kulturell, biografisch. Sie soll kein Grund für Sorgen am Küchentisch sein. Wenn Sie unsicher sind, ob die Entwicklung Ihres Kindes im Rahmen liegt, klären wir das gemeinsam – ruhig, ohne Etiketten und mit Blick auf alle Sprachen Ihres Kindes.
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Auch interessant: Sprache verändert sich über die gesamte Lebensspanne. Wie sich die Stimme im höheren Alter wandelt und was dagegen hilft, lesen Sie in unserem Beitrag Alternde Stimme: Presbyphonie erkennen und behandeln.
